Prospect Theory – Warum wir keine rationalen Anleger sind
- Michael Bichlmeier
- 7. Apr.
- 4 Min. Lesezeit
Die Entscheidungstheorie, die das Bild des rationalen Investors für immer verändert hat
Die klassische Wirtschaftstheorie geht von einem einfachen Menschenbild aus: Der Anleger ist rational, berechnet Wahrscheinlichkeiten korrekt und maximiert seinen Nutzen. Ein elegantes Modell – das leider mit der Realität wenig gemein hat. Die Prospect Theory von Daniel Kahneman und Amos Tversky hat dieses Bild 1979 grundlegend erschüttert. Und dafür gab es 2002 den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften.
Der Ausgangspunkt: Was ist falsch an der klassischen Theorie?
Die klassische Erwartungsnutzentheorie (Expected Utility Theory) besagt, dass Menschen bei Entscheidungen unter Unsicherheit den erwarteten Nutzen aller möglichen Ergebnisse berechnen und die Option mit dem höchsten Wert wählen. Klingt vernünftig – ist es in der Praxis aber nicht.
Kahneman und Tversky stellten in zahlreichen Experimenten fest, dass Menschen systematisch und vorhersehbar von diesem rationalen Modell abweichen. Nicht zufällig, sondern in bestimmten Mustern – die sich beschreiben und erklären lassen.
Das Ergebnis ihrer Forschung war die Prospect Theory – eine deskriptive Theorie, die nicht beschreibt, wie Menschen entscheiden sollten, sondern wie sie es tatsächlich tun.
Die vier Bausteine der Prospect Theory
1. Der Referenzpunkt
Menschen bewerten Ergebnisse nicht in absoluten Zahlen, sondern relativ zu einem Referenzpunkt. Dieser Referenzpunkt ist meist der aktuelle Status quo – etwa der Einstandskurs einer Aktie, das aktuelle Gehalt oder ein erwartetes Ergebnis.
Ein Beispiel: Wer eine Aktie für 100 Euro kauft, bewertet jeden Kurs relativ zu diesen 100 Euro. Bei 120 Euro ist er im Gewinn – bei 80 Euro im Verlust. Obwohl 80 Euro objektiv immer noch ein Vermögenswert sind, wird er als Verlust wahrgenommen.
Dieses Denken in Gewinnen und Verlusten statt in absoluten Vermögenswerten ist einer der fundamentalsten Unterschiede zur klassischen Theorie.
2. Loss Aversion – Verluste schmerzen doppelt
Der bekannteste Baustein der Prospect Theory: Verluste werden psychologisch etwa doppelt so stark gewichtet wie gleich grosse Gewinne.
Ein Gewinn von 100 Euro erzeugt weniger Freude, als ein Verlust von 100 Euro Schmerz verursacht. Das Verhältnis liegt empirisch bei etwa 2:1.
Praktische Konsequenz für Anleger: Sie halten Verlustpositionen zu lange – weil der realisierte Verlust endgültig und damit psychologisch unerträglich ist. Gleichzeitig verkaufen sie Gewinnpositionen zu früh, um den Gewinn zu sichern, bevor er sich in einen Verlust verwandelt. Dieses Muster nennt sich Dispositionseffekt – und ist eine der kostspieligsten Verhaltensanomalien an der Börse.
3. Diminishing Sensitivity – abnehmende Grenzempfindlichkeit
Die Wertfunktion der Prospect Theory ist nicht linear, sondern konkav im Gewinnbereich und konvex im Verlustbereich. Das bedeutet:
Der Unterschied zwischen 0 und 100 Euro Gewinn fühlt sich grösser an als zwischen 900 und 1.000 Euro Gewinn.
Genauso: Der Unterschied zwischen 0 und 100 Euro Verlust schmerzt mehr als zwischen 900 und 1.000 Euro Verlust.
Je weiter man sich vom Referenzpunkt entfernt, desto geringer wird die zusätzliche emotionale Reaktion. Wer bereits 900 Euro verloren hat, reagiert auf weitere 100 Euro Verlust weniger stark – was erklären kann, warum Anleger in tiefen Verlustphasen manchmal noch höhere Risiken eingehen.
4. Wahrscheinlichkeitsverzerrung
Menschen bewerten Wahrscheinlichkeiten nicht objektiv. Sie überschätzen kleine Wahrscheinlichkeiten und unterschätzen mittlere bis hohe Wahrscheinlichkeiten.
Das erklärt scheinbar widersprüchliches Verhalten:
Lotteriescheine kaufen: Eine winzige Gewinnchance wird massiv überschätzt.
Gleichzeitig Versicherungen abschliessen: Ein kleines Schadensrisiko wird ebenfalls überschätzt.
Sichere Gewinne bevorzugen: Eine 100%ige Chance auf 50 Euro wird einer 50%igen Chance auf 120 Euro vorgezogen – obwohl letztere einen höheren Erwartungswert hat.
Die Wertfunktion – das Herzstück der Theorie
Kahneman und Tversky fassten diese Erkenntnisse in einer Wertfunktion zusammen, die drei charakteristische Eigenschaften hat:
Definiert über Gewinne und Verluste relativ zum Referenzpunkt – nicht über absolute Vermögenswerte.
Konkav für Gewinne (abnehmende Grenzfreude) und konvex für Verluste (abnehmender Grenzschmerz).
Steiler im Verlustbereich als im Gewinnbereich – Loss Aversion ist eingebaut.
Diese S-förmige Kurve ist eines der bekanntesten Diagramme der Verhaltensökonomie und erklärt mit einem einzigen Bild, warum Menschen so handeln, wie sie es tun.
Prospect Theory an der Börse – konkrete Auswirkungen
Die Theorie ist kein abstraktes Gedankenexperiment. Sie hat direkte, messbare Auswirkungen auf das Anlageverhalten:
Dispositionseffekt: Anleger realisieren Gewinne zu früh und halten Verluste zu lang. Studien zeigen, dass dies systematisch die Rendite mindert – Gewinner werden verkauft, Verlierer werden gehalten.
Verlustaversion bei der Asset Allocation: Viele Anleger meiden Aktien nicht wegen rationaler Risikoabwägung, sondern wegen der Angst vor Kursverlusten – obwohl langfristig die Chancen überwiegen.
Mentale Konten: Anleger behandeln verschiedene Teile ihres Portfolios wie getrennte Töpfe – mit unterschiedlichen Referenzpunkten. Ein Gewinn im Depot fühlt sich nicht wie ein Ausgleich für einen Verlust in einem anderen an.
Overtrading nach Verlusten: Um Verluste wettzumachen, gehen manche Anleger höhere Risiken ein – was die Verluste oft noch vergrössert.
Was bedeutet das für rationale Anleger?
Die Prospect Theory ist keine Einladung zur Resignation. Wer seine eigenen Verhaltensverzerrungen kennt, kann aktiv gegensteuern:
Referenzpunkte bewusst setzen: Nicht der Einstandskurs, sondern die langfristige Perspektive sollte die Entscheidung leiten.
Regeln statt Gefühle: Klare Investmentregeln – etwa feste Rebalancing-Intervalle oder Stop-Loss-Grenzen – reduzieren emotionale Entscheidungen.
Verluste als Teil des Prozesses akzeptieren: Wer versteht, dass Verluste unvermeidlich sind, leidet weniger unter Loss Aversion.
Gesamtportfolio statt Einzelpositionen betrachten: Mentale Konten auflösen und das Portfolio als Einheit bewerten.
Fazit
Die Prospect Theory ist eine der einflussreichsten Theorien der modernen Wirtschaftswissenschaft – weil sie den Menschen so beschreibt, wie er wirklich ist: irrational, emotional und systematisch verzerrt in seinen Entscheidungen. Für Anleger ist das Wissen darum kein Makel, sondern ein Vorteil. Wer seine eigenen psychologischen Fallstricke kennt, kann bewusster, disziplinierter und letztlich erfolgreicher investieren.
Das Wichtigste in Kürze: Menschen entscheiden relativ zu Referenzpunkten, gewichten Verluste doppelt so stark wie Gewinne, reagieren auf grosse Beträge weniger empfindlich und verzerren Wahrscheinlichkeiten systematisch. Die Prospect Theory erklärt, warum – und gibt Anlegern das Werkzeug, besser damit umzugehen.
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