Slippage – Der unsichtbare Kostenfaktor beim Börsenhandel
- Michael Bichlmeier
- 12. Apr.
- 4 Min. Lesezeit
Wer an der Börse handelt, denkt bei Kosten zunächst an Ordergebühren oder den Spread. Doch es gibt einen weiteren, oft unterschätzten Kostenfaktor, der sich still und leise in jeden Handel einschleicht: Slippage. Besonders für aktive Trader und algorithmische Strategien kann Slippage über Erfolg oder Misserfolg entscheiden – und selbst langfristige Anleger sollten das Konzept kennen.
Was ist Slippage?
Slippage bezeichnet die Differenz zwischen dem erwarteten Ausführungspreis einer Order und dem tatsächlich erzielten Preis. Anders formuliert: Man möchte zu einem bestimmten Kurs kaufen oder verkaufen – und bekommt am Ende einen anderen.
Ein einfaches Beispiel: Ein Anleger sieht eine Aktie bei 50,00 Euro und gibt eine Kauforder auf. Die Order wird jedoch zu 50,08 Euro ausgeführt. Diese Differenz von 0,08 Euro pro Aktie ist Slippage – und bei grösseren Ordervolumen summiert sie sich schnell.
Slippage kann in beide Richtungen auftreten:
Negative Slippage: Die Order wird zu einem schlechteren Preis ausgeführt als erwartet. Beim Kauf zu hoch, beim Verkauf zu niedrig.
Positive Slippage: Die Order wird zu einem besseren Preis ausgeführt als erwartet. Seltener, aber möglich – etwa bei schnell fallenden Kursen beim Kaufen.
Wie entsteht Slippage?
Slippage ist kein technischer Fehler, sondern ein natürliches Ergebnis der Marktmechanik. Mehrere Faktoren beeinflussen, wie stark sie ausfällt:
Marktliquidität: In liquiden Märkten – etwa bei DAX-Bluechips oder grossen US-Aktien – ist Slippage gering. In illiquiden Märkten – Small Caps, Nebenwerte, dünn gehandelte ETFs – kann Slippage erheblich sein.
Ordergrösse: Grosse Orders benötigen mehr Gegenseite. Wer 100.000 Aktien kaufen will, aber nur 10.000 zum gewünschten Kurs verfügbar sind, muss den Rest zu höheren Preisen kaufen.
Marktvolatilität: In turbulenten Marktphasen bewegen sich Kurse schnell. Was beim Absenden der Order noch galt, kann beim Ausführen bereits Vergangenheit sein.
Ordertyp: Market Orders werden sofort ausgeführt – zum nächstbesten verfügbaren Preis. Limit Orders hingegen werden nur zu einem festgelegten Preis oder besser ausgeführt.
Handelszeitpunkt: Zur Eröffnung und zum Schluss der Börse sowie rund um Nachrichtenereignisse ist die Volatilität höher und Slippage wahrscheinlicher.
Slippage und der Bid-Ask-Spread
Slippage wird häufig im Zusammenhang mit dem Bid-Ask-Spread diskutiert – und die beiden Konzepte hängen eng zusammen, sind aber nicht identisch.
Der Bid-Ask-Spread ist die Differenz zwischen dem höchsten Kaufangebot (Bid) und dem niedrigsten Verkaufsangebot (Ask) im Orderbuch. Wer eine Aktie per Market Order kauft, zahlt mindestens den Ask-Preis – auch wenn der zuletzt gehandelte Kurs niedriger war. Dieser Unterschied ist eine Form von Slippage.
Der Spread ist also der Mindestbetrag an Slippage, den ein Market-Order-Händler zahlt. Darüber hinaus kann durch Marktbewegungen während der Orderausführung weitere Slippage entstehen.
Slippage in der Praxis – wer ist besonders betroffen?
Aktive Trader und Day Trader: Wer viele Trades pro Tag abschliesst, summiert die Slippage-Kosten über Hunderte oder Tausende von Transaktionen.
Algorithmische Handelssysteme: Backtests berücksichtigen Slippage oft nicht ausreichend. Eine Strategie, die im Backtest profitabel erscheint, kann in der Praxis durch reale Slippage-Kosten unprofitabel werden.
Anleger in illiquiden Märkten: Wer in Nebenwerte, Emerging-Market-Aktien oder wenig gehandelte ETFs investiert, begegnet strukturell höherer Slippage.
Institutionelle Investoren mit grossen Positionen: Grosse Orders bewegen den Markt selbst – ein Phänomen, das als Market Impact bezeichnet wird und eine Sonderform von Slippage darstellt.
Slippage und Backtesting – die unterschätzte Gefahr
Beim Backtesting – also dem Testen einer Handelsstrategie an historischen Daten – wird Slippage häufig vernachlässigt oder zu optimistisch angesetzt.
Das Ergebnis: Eine Strategie sieht auf dem Papier hervorragend aus, weil sie immer exakt zum gewünschten Kurs handelt. In der Realität sind diese Kurse jedoch nie exakt erreichbar. Je öfter eine Strategie handelt und je illiquider der Markt, desto grösser die Lücke zwischen Backtest-Performance und realer Performance.
Professionelle Quant-Trader berechnen Slippage-Annahmen explizit in ihre Backtests ein – etwa als fester Prozentsatz pro Trade oder als Funktion des Handelsvolumens.
Wie kann man Slippage reduzieren?
Limit Orders statt Market Orders: Der wirksamste Schutz. Eine Limit Order wird nur zum festgelegten Preis oder besser ausgeführt. Nachteil: Sie wird möglicherweise gar nicht ausgeführt, wenn der Markt sich wegbewegt.
Handel in liquiden Märkten: Grosse Indizes, Bluechips und hochvolumige ETFs bieten engen Spread und tiefes Orderbuch.
Günstige Handelszeitpunkte: Mitten im Handelstag ist die Liquidität meist am höchsten. Börseneröffnung und -schluss sind risikoreicher.
Orderaufteilung (Order Splitting): Grosse Orders werden in kleinere Teilorders aufgeteilt und über einen längeren Zeitraum platziert. Institutionelle Anleger nutzen hierfür Algorithmen wie TWAP oder VWAP.
Realistische Backtests: Slippage-Annahmen explizit modellieren – mindestens den halben Spread als Kostenpuffer pro Trade einrechnen.
Slippage vs. andere Transaktionskosten
Ordergebühren: Transparent und fix – leicht zu kalkulieren und zu minimieren.
Bid-Ask-Spread: Sichtbar im Orderbuch, aber variabel je nach Liquidität und Tageszeit.
Slippage: Oft unsichtbar, variabel und schwer zu prognostizieren – deshalb besonders tückisch.
Market Impact: Sonderform der Slippage bei grossen Orders – der eigene Kauf/Verkauf bewegt den Kurs selbst.
Für einen Privatanleger, der regelmässig ETF-Sparpläne bespielt, ist Slippage vernachlässigbar. Für einen aktiven Trader oder eine quantitative Strategie kann sie den Unterschied zwischen Profitabilität und Verlust ausmachen.
Fazit
Slippage ist einer der am häufigsten unterschätzten Kostenfaktoren im Börsenhandel. Sie entsteht nicht durch Fehler, sondern durch die reale Funktionsweise von Märkten: Kurse bewegen sich, Liquidität ist begrenzt, und Orders brauchen Zeit zur Ausführung. Wer diesen unsichtbaren Kostenfaktor kennt und aktiv berücksichtigt – bei der Wahl des Ordertyps, des Handelszeitpunkts und der Strategieentwicklung – handelt informierter und kosteneffizienter.
Das Wichtigste in Kürze: Slippage ist die Differenz zwischen erwartetem und tatsächlichem Ausführungspreis. Ursachen sind Liquiditätsmangel, grosse Orders und Volatilität. Limit Orders, liquide Märkte und günstige Handelszeitpunkte reduzieren Slippage. Im Backtesting muss sie explizit einkalkuliert werden – sonst drohen unrealistische Ergebnisse.
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