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Value Investing – Günstig kaufen, was andere übersehen


Die Anlagestrategie, die Warren Buffett zum reichsten Investor der Welt machte

In einer Welt voller komplexer Handelsalgorithmen, gehypter Wachstumsaktien und kurzfristiger Spekulationen klingt Value Investing fast altmodisch: Kauf Aktien, die weniger wert sind als sie kosten sollten – und warte. Doch genau diese scheinbar simple Idee hat Investoren wie Warren Buffett, Benjamin Graham und Charlie Munger zu den erfolgreichsten Anlegern der Geschichte gemacht. Was steckt dahinter?


Die Grundidee: Preis ist nicht gleich Wert

Der Kern des Value Investings lässt sich in einem einzigen Satz zusammenfassen, der Benjamin Graham zugeschrieben wird:

„Price is what you pay. Value is what you get."

Der Preis einer Aktie ist das, was der Markt gerade bereit ist zu zahlen – beeinflusst von Emotionen, Nachrichten, Hypes und Panik. Der Wert eines Unternehmens hingegen ist das, was es tatsächlich wert ist – basierend auf seinen Gewinnen, Cashflows, Vermögenswerten und Zukunftsaussichten.

Value Investoren sind davon überzeugt, dass Preis und Wert häufig auseinanderklaffen – und dass geduldige Anleger davon profitieren können.


Der Vater des Value Investings: Benjamin Graham

Value Investing wurde in den 1930er Jahren von Benjamin Graham entwickelt – einem Wirtschaftsprofessor an der Columbia University, der die Börse nicht als Spielcasino, sondern als Bewertungsmaschine verstand.

In seinen Werken „Security Analysis" (1934) und „The Intelligent Investor" (1949) legte Graham die theoretischen Grundlagen:

  • Aktien sind keine abstrakten Handelsobjekte, sondern Anteile an realen Unternehmen.

  • Der Markt ist irrational und schwankend – er bietet regelmässig Gelegenheiten, gute Unternehmen zu schlechten Preisen zu kaufen.

  • Anleger sollten wie Geschäftsleute denken, nicht wie Spekulanten.

Grahams berühmtester Schüler war ein junger Student namens Warren Buffett – der Grahams Ideen aufnahm, weiterentwickelte und zur bekanntesten Investmentphilosophie der Welt machte.


Die Sicherheitsmarge – das wichtigste Konzept

Das zentrale Konzept des Value Investings ist die Margin of Safety – die Sicherheitsmarge.

Die Idee ist einfach: Kaufe eine Aktie nur dann, wenn ihr Marktpreis deutlich unter dem inneren Wert des Unternehmens liegt. Dieser Abstand – die Sicherheitsmarge – erfüllt zwei Funktionen:

  1. Schutz vor Fehlern: Kein Investor berechnet den inneren Wert perfekt. Eine Sicherheitsmarge von beispielsweise 30–40 % gibt Spielraum für Bewertungsfehler.

  2. Renditepotenzial: Je grösser der Abstand zwischen Preis und Wert, desto grösser der mögliche Gewinn, wenn der Markt den Wert irgendwann erkennt.

Graham formulierte es so: Wer einen 100-Euro-Schein für 60 Euro kaufen kann, macht kein schlechtes Geschäft – selbst wenn die genaue Bewertung unsicher ist.


Der innere Wert – wie berechnet man ihn?

Der innere Wert (Intrinsic Value) ist der theoretische faire Wert eines Unternehmens. Es gibt verschiedene Methoden, ihn zu schätzen:

Discounted Cash Flow (DCF): Die zukünftigen Cashflows des Unternehmens werden auf den heutigen Zeitpunkt abgezinst. Wer heute 100 Euro in drei Jahren erwartet, muss berechnen, was diese 100 Euro heute wert sind – unter Berücksichtigung von Zinsen und Risiko.

Buchwert: Graham fokussierte sich stark auf den Buchwert – das Eigenkapital eines Unternehmens laut Bilanz. Eine Aktie, die unter ihrem Buchwert gehandelt wird, könnte ein Schnäppchen sein.

Bewertungsmultiplikatoren: Kennzahlen wie das KGV (Kurs-Gewinn-Verhältnis), das KBV (Kurs-Buchwert-Verhältnis) oder das KUV (Kurs-Umsatz-Verhältnis) helfen dabei, den Preis einer Aktie ins Verhältnis zur wirtschaftlichen Realität zu setzen. Ein niedriges KGV im Vergleich zur Branche kann auf Unterbewertung hindeuten.

Wichtig: Der innere Wert ist keine exakte Zahl, sondern eine Schätzung. Buffett sagt dazu: „Es ist besser, ungefähr richtig zu liegen, als exakt falsch zu sein."


Mr. Market – Grahams geniale Metapher

Um die Irrationalität der Börse zu erklären, erfand Graham die Figur des Mr. Market – eine der treffendsten Metaphern der Finanzgeschichte.

Stell dir vor, du bist Miteigentümer eines Unternehmens. Jeden Tag kommt dein Geschäftspartner Mr. Market zu dir und bietet an, seinen Anteil zu verkaufen – oder deinen zu kaufen. Manchmal ist Mr. Market euphorisch und nennt absurd hohe Preise. Manchmal ist er deprimiert und verschleudert seinen Anteil fast.

Das Entscheidende: Du musst nicht auf Mr. Market eingehen. Du kannst ihn ignorieren – oder sein irrationales Verhalten zu deinem Vorteil nutzen. Kaufe, wenn er panisch verkauft. Verkaufe, wenn er übertrieben optimistisch ist.

Diese Metapher ist bis heute der beste Ratgeber gegen emotionale Anlageentscheidungen.


Value Investing nach Buffett – die Weiterentwicklung

Warren Buffett übernahm Grahams Grundprinzipien, entwickelte sie aber entscheidend weiter – beeinflusst von seinem langjährigen Partner Charlie Munger.

Graham suchte primär nach statistisch günstigen Aktien – sogenannten „Zigarrenstummeln": Unternehmen, die so billig waren, dass man noch einen letzten Zug herausholen konnte, bevor sie wertlos wurden.

Buffett hingegen erkannte: Ein wunderbares Unternehmen zu einem fairen Preis ist besser als ein durchschnittliches Unternehmen zu einem günstigen Preis.

Er fokussierte sich auf Unternehmen mit:

  • Starkem Wettbewerbsvorteil (Economic Moat): Unternehmen mit dauerhaften Vorteilen – Marken, Patente, Netzwerkeffekte, Kostenvorteile – die Konkurrenten auf Abstand halten.

  • Verlässlichem Geschäftsmodell: Einfach verständliche Unternehmen mit stabilen, vorhersehbaren Cashflows.

  • Kompetenter und integrer Führung: Das Management muss im Interesse der Aktionäre handeln.

  • Fairer Bewertung: Nicht zwingend billig – aber nicht überteuert.

Klassische Buffett-Investments: Coca-Cola, American Express, Apple, See's Candies.


Die wichtigsten Kennzahlen für Value Investoren

Wer Value Investing praktisch anwenden möchte, nutzt eine Reihe von Kennzahlen als erste Orientierung:

KGV (Kurs-Gewinn-Verhältnis): Verhältnis von Aktienkurs zu Gewinn je Aktie. Ein niedriges KGV kann auf Unterbewertung hindeuten – muss aber im Branchenkontext bewertet werden.

KBV (Kurs-Buchwert-Verhältnis): Verhältnis von Marktkapitalisierung zu Eigenkapital. Ein KBV unter 1 bedeutet, dass die Aktie unter ihrem bilanziellen Eigenkapital gehandelt wird.

Free Cash Flow: Der Cashflow, der nach Investitionen übrig bleibt. Value Investoren lieben Unternehmen, die verlässlich hohen Free Cash Flow generieren.

Eigenkapitalrendite (ROE): Wie effizient setzt das Unternehmen das Eigenkapital der Aktionäre ein? Buffett bevorzugt Unternehmen mit dauerhaft hoher Eigenkapitalrendite.

Verschuldungsgrad: Hohe Schulden erhöhen das Risiko. Value Investoren bevorzugen Unternehmen mit solider Bilanz.


Typische Fehler beim Value Investing

Value Investing klingt einfach – ist es aber nicht. Einige häufige Fallstricke:

Value Trap: Nicht jede günstige Aktie ist ein Schnäppchen. Manche Unternehmen sind aus gutem Grund billig – weil ihr Geschäftsmodell strukturell unter Druck steht. Eine Aktie, die vom KGV 10 auf KGV 5 fällt, war beim KGV 10 kein Kauf, sondern eine Falle.

Zu früh kaufen: Value Investoren kaufen oft, wenn Pessimismus herrscht – und müssen dann monatelang oder jahrelang warten, bis der Markt den Wert erkennt. Geduld ist keine Option, sondern eine Voraussetzung.

Qualität ignorieren: Wer nur auf billige Kennzahlen schaut, übersieht die Qualität des Unternehmens. Ein billiges, aber schlechtes Unternehmen bleibt ein schlechtes Investment.

Zu stark diversifizieren: Buffett spricht von „diworsification" – übermässige Diversifikation verwässert die besten Ideen. Konzentration auf die besten Investments kann sinnvoller sein als blindes Streuen.


Ist Value Investing heute noch relevant?

Eine berechtigte Frage – denn in den 2010er Jahren hat Value Investing gegenüber Growth Investing deutlich underperformt. Wachstumsstarke Technologieunternehmen wie Amazon, Tesla oder Netflix wiesen klassisch hohe Bewertungen auf – und stiegen dennoch massiv.

Kritiker argumentieren, dass in einer Welt mit billigem Kapital und digitalen Geschäftsmodellen klassische Value-Kennzahlen an Aussagekraft verloren haben. Verfechter entgegnen, dass Value Investing nie tot war – sondern dass sich der Begriff des „Wertes" weiterentwickeln muss: Qualität, Wettbewerbsvorteile und Cashflows zählen mehr als ein niedriges KBV allein.

Was bleibt: Das Grundprinzip – nicht mehr zahlen als etwas wert ist – ist zeitlos. Es war 1934 richtig, es war 2000 richtig (als Value-Investoren die Dotcom-Blase mieden), und es wird auch in Zukunft richtig sein.


Fazit

Value Investing ist keine komplizierte Formel, sondern eine Denkweise. Es geht darum, Unternehmen zu verstehen, ihren Wert nüchtern zu schätzen und nur zu kaufen, wenn der Preis einen ausreichenden Sicherheitspuffer bietet. Es erfordert Geduld, Disziplin und die Fähigkeit, gegen den Strom zu schwimmen – wenn alle anderen verkaufen.

Das Wichtigste in Kürze: Value Investing bedeutet, Aktien unter ihrem inneren Wert zu kaufen. Die Sicherheitsmarge schützt vor Fehlern. Mr. Market ist irrational – und das ist eine Chance. Qualität ist wichtiger als blosse Billigkeit. Und Geduld ist die wichtigste Tugend des Value Investors.

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